Rassismus sichtbar machen: VR-Escape-Room

05.11.2026

Escape

„Die Kita der unsichtbaren Spuren“ wird an der BBS 1 Gifhorn entwickelt und erprobt

Eine Fachschülerin hatte die Idee, die KI-AG baute sie mit aus: Angehende Erzieherinnen und Erzieher verbinden VR-Brille und echten Raum, um Rassismus im Kita-Alltag zu erkennen. Am 4. November wird das Format erstmals vor Gästen erprobt.

Zwei Kinder sprechen in der Bauecke Türkisch und werden ermahnt. Im Erste-Hilfe-Kasten liegen nur helle Pflaster, auf der Packung steht „hautfarben“. Zum „Internationalen Fest“ sollen nur Familien mit dunkler Hautfarbe Essen „aus ihrer Heimat“ mitbringen. Keiner dieser Vorfälle ist böse gemeint. Und doch kommt bei den Kindern an: So wie ich bin, gehöre ich hier nicht ganz dazu.

Solche leisen Spuren von Rassismus zu erkennen, ist das Ziel des neuen Lernformats „Die Kita der unsichtbaren Spuren“. Der Escape-Room verbindet Virtual Reality (VR), Künstliche Intelligenz (KI) und analoges Material und wurde an der Fachschule Sozialpädagogik entwickelt. Am Mittwoch, 4. November, um 13:15 Uhr erprobt eine Gruppe der Klasse 2 den Raum erstmals in Raum 078 der Modulbauten. Zu Gast sind Praxismentorinnen und Praxismentoren aus den Kindertagesstätten der Region sowie Vertreterinnen und Vertreter des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ).

Die Idee kam aus der Klasse

Initiiert hat das Projekt Ellen Kreuzig, Lernende der Klasse 2 der Fachschule Sozialpädagogik. Als Projektleiterin verantwortet sie die Entwicklung und wird von der jahrgangsübergreifenden KI-AG der Fachschule unterstützt. „Ich wollte einen Raum schaffen, in dem man Rassismus im Kita-Alltag nicht nur erklärt bekommt, sondern gemeinsam entdeckt“, sagt Kreuzig. „Mit der Brille allein kommt man nicht weiter. Man braucht die anderen im Raum.“

Schulleiterin Regina Ruge sieht darin ein Beispiel für den Weg der Schule: „Digitale Bildung entsteht bei uns nicht über die Köpfe der Lernenden hinweg, sondern mit ihnen.“

Die Brille hat das Material, der Raum hat den Schlüssel

Vier bis fünf Lernende bilden ein Fachberatungsteam, das die fiktive Kita Sonnenwinkel untersucht. Eine Person trägt die VR-Brille und sieht die Kita von innen: Aushänge im Eingangsbereich, Sätze an der Garderobe, Regeln in der Bücherecke, Spielmaterial in der Malecke. Die anderen arbeiten im echten Raum mit Karten, Bodenprojektion, einem Poster mit erweiterter Realität und einem Malblatt mit echten Buntstiften. Keine Seite hat alle Informationen. Nur wer vorliest, zuhört und gemeinsam entscheidet, kommt weiter.

Zu jedem der vier Fachbegriffe gehört ein greifbares Artefakt aus dem Einsatzkoffer, etwa ein Buntstift mit dem Aufdruck „hautfarben“ oder ein Kinderrucksack mit Steinchen. Über NFC-Chips werden die Gegenstände zum Schlüssel: Erst wer den richtigen Begriff zuordnet, kann eine Spur sichern.

Eine KI, die fragt statt antwortet

Durch den Raum führt eine KI-Begleitfigur, die als Chat, per Audio und als Video auftritt. Sie stellt Rückfragen und gibt Denkanstöße, verrät aber keine Lösungen. Entwickelt wurden die Bots gemeinsam mit Robert Vogel (UMZ, München), der die Schule seit Jahren bei KI-gestützten Lernsettings begleitet. „Die Kunst bei solchen KI-Bots liegt nicht darin, dass sie viel wissen, sondern dass sie sich zurückhalten“, sagt Vogel.

Wirkung statt Absicht

Die Leitfrage lautet durchgehend: Was kommt beim Kind an? Zu jeder Spur gehören auch Gegenbeispiele, etwa eine Einladung zum Elterncafé in fünf Sprachen. So lernen die angehenden Fachkräfte, zu unterscheiden statt zu verdächtigen. Im Spurenprotokoll halten sie fest, was sich in der Kita zuerst ändern müsste, und übertragen den Blick auf ihre eigene Praxiseinrichtung.

„Das Format schult nicht nur Fachwissen, sondern Haltung“, sagt Sven Ernstson, Bildungsgangleiter der Fachschule Sozialpädagogik und verantwortliche Lehrkraft. „Und es zeigt, dass Lernende digitale Bildung selbst gestalten können.“

Dokumentation in 360 Grad

Die Erprobung wird als 360-Grad-VR-Video dokumentiert und anschließend veröffentlicht. Der Escape-Room ist Teil einer dreiteiligen Lernreise aus Begriffsarbeit, Einsatz in der virtuellen Kita sowie Reflexion und Transfer in die Praxis. Mit dem Konzept bewirbt sich die BBS 1 Gifhorn um den KI-Innovationspreis BBS des Landes Niedersachsen.