Erasmus+ in Pilsen und Prag FS Sozialpädagogik
31.10.2026
- Programmhighlights Oktober 2026 -
Vom 25. bis 31. Oktober 2026 war Sven Ernstson, Bildungsgangleiter der Fachschule Sozialpädagogik (FSP) der BBS 1 Gifhorn, im Rahmen von Erasmus+ in Pilsen und Prag. Ziel der Mobilität war es, bestehende Partnerschaften zu vertiefen, künftige Auslandsaufenthalte der Fachschülerinnen und Fachschüler vorzubereiten und die an der BBS 1 Gifhorn entwickelten KI-Trainingswerkzeuge im internationalen Kontext zu erproben. Sechs Programmpunkte standen im Mittelpunkt.
1. Hospitation in der deutsch-tschechischen Kita Junikorn
Die Kita Junikorn in Pilsen ist die erste deutsch-tschechische Kindertageseinrichtung der Stadt und bereits Partnereinrichtung der BBS 1 Gifhorn. Die Hospitation diente dazu, diese Partnerschaft weiter zu vertiefen.
Erasmus+-Aufenthalte 2027: Im Frühjahr 2027 werden vier Lernende der Klasse 1 ihren Erasmus+-Aufenthalt bei Junikorn absolvieren. Die Einrichtung nimmt Lernende künftig nur noch für mindestens vier Wochen auf. Diese Vorgabe wird bei der Planung der Mobilitäten berücksichtigt.
Erprobung des KI-Trainingsbots „Justin“ auf Tschechisch: Justin ist ein an der BBS 1 Gifhorn entwickeltes KI Rollenspiel, mit dem pädagogische Fachkräfte Gesprächsführung mit einem simulierten Kind üben. Der Bot wurde in allen drei Modalitäten getestet: als Chatbot, als Audio-Bot und als Video-Bot mit Avatar.
Fachlicher Austausch: Im Gespräch mit dem pädagogischen Team standen folgende Themen im Vordergrund:
- Reflexion interkultureller Erziehung, Bildung und Betreuung im binationalen Kita-Alltag
- Bildschirmzeit als zunehmende Herausforderung für die kindliche Entwicklung
- der ganzheitliche Bildungsansatz der Kita Junikorn
- sonderpädagogische Hilfen im tschechischen Bildungssystem
2. Immersive Bildung: Brauerei Pilsner Urquell und Muzeum R. Jelínek
Zwei Ausstellungen zeigten, wie Virtual Reality, Augmented Reality und großflächige Projektionen (Mapping) Inhalte erfahrbar machen. Im Fokus stand die Frage, was sich daraus für partizipative Bildungsarbeit in der Sozialpädagogik übertragen lässt.
Brauerei Pilsner Urquell, Pilsen: Seit Mai 2025 gehört zur Brauereiführung eine neue interaktive Ausstellung zu den Rohstoffen des Bieres. Kern sind hyperrealistische Animationen auf gewölbten Großleinwänden von 5 × 4,5 Metern. Die Ausstellung spricht alle fünf Sinne an: Besucherinnen und Besucher können Gerstenmalz anfassen, Hopfen riechen und schmecken.
Muzeum R. Jelínek, Prag: Das Museum auf der Prager Kleinseite präsentiert eine interaktive Ausstellung zur Herstellung von koscheren Produkten und zur Geschichte regionaler Brennereifamilien. Dazu gehören Projektionen, Exponate und eine 5D-Show mit Virtual Reality.
Beide Orte zeigen, wie multisensorische und immersive Elemente Aufmerksamkeit binden und Lernprozesse emotional verankern können. Diese Gestaltungsprinzipien fließen in die immersiven Lernprojekte der FSP ein, etwa in die Arbeit mit VR-Lernräumen.
3. Techmania Science Center und 3D-Planetarium als außerschulischer Lernort
Außerschulische Lernorte werden in der Fachdiskussion als topografisch bestimmbare Orte jenseits des Schulgebäudes und -geländes verstanden, die ein Potenzial für schulisch beabsichtigtes und unterrichtlich geplantes Lernen bieten. Entscheidend ist also nicht allein der Ort, sondern seine didaktische Einbindung in Lernprozesse.
Das Techmania Science Center in Pilsen erfüllt diese Kriterien in besonderer Weise. Es liegt in historischen Industriehallen des Škoda-Areals und lädt mit interaktiven Exponaten zum Ausprobieren, Experimentieren und Entdecken ein. Im April 2026 wurde das 3D-Planetarium technisch modernisiert: Neue Laser-Phosphor-Projektoren ermöglichen Projektionen in 6,5K-Auflösung.
Für die sozialpädagogische Ausbildung ist das Science Center ein Beispiel dafür, wie forschendes und entdeckendes Lernen räumlich gestaltet werden kann. Die Konzepte lassen sich auf die naturwissenschaftliche Bildung in Kindertageseinrichtungen übertragen und bieten Anknüpfungspunkte für Exkursionen mit Lernenden.
4. Austausch mit Dr. Charles M. Omboto: Inklusion in Kenia und Tschechien
Bei einem informellen Treffen ging es um Sonderpädagogik und Inklusion in Kenia und Tschechien. Charles Omboto ist seit 2026 an der Pädagogischen Fakultät der Westböhmischen Universität Pilsen (ZČU) tätig. Er forscht zu inklusiver Bildung, zur Unterstützung von Lernenden mit Behinderungen und vergleicht die Bildungssysteme beider Länder.
An der ZČU arbeitet er mit dem Zentrum für pädagogische Forschung und dem Lehrstuhl für Spezielle und Inklusive Pädagogik zusammen und ist in der Hochschulallianz EUPeace aktiv, die die Lehrkräftebildung internationalisiert. Zuvor war er am Kenya Institute of Special Education tätig, das dem kenianischen Bildungsministerium untersteht, und hatte dort akademische und leitende Funktionen inne.
Der Austausch eröffnete eine dritte Perspektive auf Inklusion jenseits des deutsch-tschechischen Vergleichs. Er ist für die Anti-Bias- und Inklusionsthemen der FSP unmittelbar anschlussfähig.
5. Westböhmische Universität: Treffen mit Mgr. Šárka Káňová, Ph.D.
An der Pädagogischen Fakultät der Westböhmischen Universität Pilsen (ZČU) fand ein Treffen mit Mgr. Šárka Káňová, Ph.D., statt. Sie ist Assistenzprofessorin und Leiterin des Lehrstuhls für Spezielle und Inklusive Pädagogik. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Lebenswege von Menschen mit Behinderungen und deren aktive gesellschaftliche Teilhabe. Weitere Schwerpunkte sind Inklusion, frühkindliche Entwicklung sowie der Übergang von Menschen mit intellektuellen und Entwicklungsbeeinträchtigungen ins Erwachsenenalter.
Erprobung von Justin: Der KI-Trainingsbot wurde vorgeführt, auf Tschechisch erprobt und gemeinsam reflektiert. Getestet wurden alle drei Modalitäten: Chat, Audio und Video.
Vereinbarung: Für 2027 ist ein gemeinsamer Hackathon zu einem sonderpädagogischen Thema vereinbart.
Anschließend folgte eine Führung durch die neuen Räume der Fakultät.
6. Besuch und Führung: Große Synagoge und Kathedrale St. Bartholomäus
Zwei Führungen durch religiöse Bauwerke rundeten das Programm ab. Sie boten Anknüpfungspunkte für interreligiöse Bildung und Erinnerungskultur.
Große Synagoge (Velká synagoga): Die Synagoge wurde 1893 eröffnet. Sie ist die größte in Tschechien, gehört zu den größten Synagogen weltweit und bietet bis zu 2.500 Menschen Platz. Während der NS-Besatzung wurden 2.604 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner Pilsens in drei Transporten nach Theresienstadt deportiert, nur 204 überlebten. Das Gebäude blieb erhalten, weil es als Lager für beschlagnahmtes jüdisches Eigentum und später als Nähwerkstatt für Wehrmachtsuniformen diente. Nach einer Sanierung von 2019 bis 2022 dient die Synagoge heute wieder als Gotteshaus sowie als Ausstellungs- und Konzertraum.
Kathedrale St. Bartholomäus: Die gotische Kirche am Platz der Republik wurde vom Ende des 13. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts errichtet. Ihr Turm ist mit 102,26 Metern der höchste Kirchturm Tschechiens. Zu ihren bedeutendsten Kunstwerken gehört die Pilsner Madonna aus dem Jahr 1390.
Fazit und Ausblick
Die Mobilität hat die Partnerschaft mit der Kita Junikorn gefestigt und die Kooperation mit der Westböhmischen Universität um konkrete Vorhaben erweitert. Für die BBS 1 Gifhorn ergeben sich daraus drei nächste Schritte:
- Vorbereitung der vierwöchigen Erasmus+-Aufenthalte von vier Lernenden der Klasse 1 bei Junikorn im Frühjahr 2027
- Planung des gemeinsamen sonderpädagogischen Hackathons mit der Westböhmischen Universität im Jahr 2027
- Weiterentwicklung des KI-Trainingsbots Justin auf Grundlage der Rückmeldungen aus den tschechischsprachigen Erprobungen
Die Erasmus+-Hospitation wurde auf den Social-Media-Seiten der BBS 1 Gifhorn dokumentiert.
Den Partnerinnen und Partnern in Pilsen und Prag gilt herzlicher Dank für ihre Gastfreundschaft und den offenen fachlichen Austausch.

